Erfahre, warum Harninkontinenz und Organsenkungen oft schon bei jungen Frauen auftritt und warum es falsch ist, die Symptome als normal abzutun.

„Das ist halt nach zwei Kindern so.“
„Ich bin eben keine 25 mehr.“
„Solange ich Einlagen habe, passt es schon.“

Sätze wie diese hört Dr. Rieke Hermann in ihrer Praxis immer wieder. Oft leise oder nebenbei ausgesprochen, manchmal fast entschuldigend. Dabei geht es um ein Thema, das Millionen Frauen betrifft: Harninkontinenz.

Viele Frauen wissen nicht, dass ungewollter Urinverlust oder ein Druckgefühl nach unten keine Lappalien sind, sondern Zeichen dafür, dass das Zusammenspiel aus Beckenboden, Bindegewebe, Organen und Nervensystem aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und dieses Gleichgewicht lässt sich beeinflussen.

Für diesen Beitrag spricht Dr. Rieke Hermann mit Hélène Menapace, Physiotherapeutin, Osteopathin und internationale Dozentin für interne vaginale Therapie in Wien. Ihr Schwerpunkt liegt auf chronischen Beckenschmerzen, Endometriose – und eben auch auf Senkungsbeschwerden und Inkontinenz.

Ein Gespräch über Tabus, Mythen und darüber, warum “einfach damit leben“ niemals eine Therapieoption sein sollte.

Harninkontinenz ist kein Altersproblem, sondern ein Funktionsproblem

Rieke: Hélène, wenn Frauen mit Harninkontinenz oder Senkungsbeschwerden zu dir kommen: Was erzählen sie dir zuerst?

Helene:
Ganz oft beginnen sie mit einer Relativierung. Es sei ja nicht so schlimm. Oder: Andere hätten das viel stärker. Doch irgendwann sagen sie: Ich plane meinen Alltag nach der nächsten Toilette.

Und an dem Punkt weiß ich, dass es eben doch schlimm ist. Wenn ich nicht mehr spontan joggen gehen kann, wenn ich beim Niesen Angst habe, wenn ich beim Sex Druck oder Unsicherheit spüre – dann betrifft das nicht nur meine Blase. 

Dann betrifft das schlichtweg mein Selbstbild.

Was passiert eigentlich bei einer Senkung?

Beckenbodenorgane
Beckenbodenmuskulatur - Unterschied Mann und Frau

Rieke: 

Bei einer Beckenorgansenkung (Descensus) sinken Gebärmutter, Blase oder Enddarm tiefer in Richtung Vagina. Das kann sich anfühlen wie:

  • Druck nach unten
  • ein Fremdkörpergefühl
  • Ziehen im Unterbauch
  • Schwierigkeiten beim Wasserlassen oder Stuhlgang

Viele Patientinnen in meiner Praxis sagen dann: „Ich spüre da etwas.“ Manche haben sogar die Sorge, dass „unten etwas rausfällt“.

Helene:

Diese Angst ist sehr real. Und sie ist oft größer als der objektive Befund. Wichtig ist: Eine Senkung ist nicht automatisch eine Operationsindikation. Wir müssen unterscheiden zwischen anatomischem Befund und funktioneller Einschränkung.

Denn entscheidend ist nicht nur, wie tief ein Organ steht, sondern wie gut das System insgesamt arbeitet.

Warum „Beckenboden anspannen“ nicht reichen kann

Rieke: Über Jahre wurde Frauen bei Harninkontinenz vor allem eines geraten: Beckenbodentraining. Anspannen. Halten. Wiederholen. 

Wer die MamAcademy kennt, weiß, dass wir Beckenbodentraining nur befürworten können. Jedoch ist es nicht immer so einfach zu lösen. Welche Erfahrungen machst du mit deinen Patientinnen?

Helene:

Ich sehe viele Frauen mit Inkontinenz, deren Beckenboden gar nicht zu schwach ist. Stattdessen ist er viel zu angespannt. Ein chronisch erhöhter Muskeltonus kann genauso Probleme machen wie eine Schwäche. 

Wenn ein Muskel nie richtig loslassen kann, verliert er seine Elastizität. Und Elastizität ist entscheidend, um den Druck abzufangen – etwa beim Husten oder Springen.

Das heißt: Beckenboden ist kein „Ein/Aus“-Schalter. Er ist Teil eines komplexen Systems aus Atmung, Bauchdruckregulation, Faszien und Nervensystem.

Harninkontinenz verstehen: Mehr als nur die Blase betroffen

Rieke: 

Es gibt unterschiedliche Formen der Harninkontinenz: Da ist zum einen die Belastungsinkontinenz, die zum Beispiel beim Niesen oder beim Sport entsteht. Zum anderen gibt es die Dranginkontinenz, wenn der Harndrang plötzlich kommt und kaum kontrollierbar ist. 

Gerade bei dieser Drangsymptomatik spielt das Nervensystem eine enorme Rolle, oder?

Helene:

Absolut. Die Blase ist ein hochsensibles Organ. Wenn das vegetative Nervensystem dauerhaft im Stressmodus ist, kann die Blase überreagieren. Dann meldet sie „voll“, obwohl sie es physiologisch noch nicht ist.

Deshalb arbeite ich nie nur lokal. Ich frage nach Schlaf, Stress, Atmung, Verdauung. Der Beckenboden reagiert auf all das.

Die Rolle der vaginalen Therapie bei Senkungen und Inkontinenz

Rieke: Du arbeitest sehr viel intern vaginal. Was verändert das konkret bei Senkungs- oder Inkontinenzpatientinnen?

Helene:

Intern kann ich die Qualität des Gewebes wirklich beurteilen. Ich spüre, ob Narbenzüge vorhanden sind, etwa nach Geburten oder Operationen. Ich kann testen, wie gut die Muskelschichten koordiniert arbeiten, ob sie rechtzeitig reagieren und ob sie auch wieder loslassen können.

Wir arbeiten dann an der:

  • Gewebemobilisation
  • Narbenlösung
  • Verbesserung der Durchblutung
  • Koordination und Timing und der
  • Wahrnehmung

Viele Frauen haben schlicht kein Gefühl mehr für ihren Beckenboden. 

Sie wissen nicht, was sie da eigentlich anspannen sollen. Und erst wenn die Wahrnehmung für diese Muskelgruppierung zurückkommt, ist das gezielte Beckenbodentraining sinnvoll.

Geburt, Hormone, Lebensphasen: Warum Senkungen nicht nur postpartum entstehen

Rieke: Was mir in meiner Praxis sehr präsent wurde:  Ja, Senkungsbeschwerden treten nicht selten nach vaginalen Geburten auf. Aber auch Jahre später. Oder in den Wechseljahren, wenn der Östrogenspiegel sinkt und das Bindegewebe an Elastizität verliert.

Helene:

Richtig. Wir müssen aufhören, Senkungen nur als eine Folge von Geburt zu sehen. Es ist ein Zusammenspiel aus genetischer Disposition, Gewebequalität, hormoneller Situation, Alltagsbelastung und Training – oder eben Nicht-Training.

Und es ist auch nie zu spät, anzufangen.

Ganzheitliche Therapie bei Harninkontinenz und Senkungen

Rieke: Zudem gibt es in der modernen Medizin einige Ansätze, die bei dieser Symptomatik helfen können. Eine nachhaltige Behandlung berücksichtigt in meinen Augen: 

  • funktionelles Beckenbodentraining
  • Atemtherapie
  • Regulation des intraabdominellen Drucks
  • manuelle Therapie intern und extern
  • Narbenbehandlung
  • hormonelle Begleitung (z. B. lokale Östrogentherapie nach ärztlicher Rücksprache)
  • Stressregulation

Helene:

Ich erkläre meinen Patientinnen zunächst immer, dass wir kein Hochleistungssystem erarbeiten, da die Therapie sie anfangs oft überfordert. Stattdessen bauen wir ein belastbares Alltagssystem. Du sollst wieder auf dem Trampolin springen können, wenn du möchtest. Doch vor allem sollst du ohne Angst niesen können.

Und genau dieser Ansatz bringt viele zum Lächeln.

Einbetten der Podcastfolge.

Für dich als betroffene Frau: Du darfst mehr erwarten als Einlagen

Vielleicht hast du dich bereits arrangiert.
Vielleicht hast du deine Sportarten angepasst.
Vielleicht trägst du immer eine Ersatzunterhose in der Tasche.
Und vielleicht redest du mit niemandem darüber.

Doch sei dir darüber bewusst: 

Harninkontinenz und Senkungen sind häufig, aber sie sind nicht einfach „normal“. Dein Körper hat dir ein Signal gesendet. Und dieses Signal darf ernst genommen werden.

Es gibt spezialisierte Therapeutinnen, die sich Zeit nehmen, die intern untersuchen dürfen und können, die Zusammenhänge erklären und gemeinsam mit dir einen Weg entwickeln. Es braucht manchmal Geduld, manchmal Mut. Doch sehr oft verbessert sich mehr, als Frauen je erwartet hätten.

Dein Beckenboden ist ein Kraftzentrum, der deinen Support benötigt und unterstützt werden darf. Dadurch gewinnen viele Frauen wieder an Lebensqualität – ob nach der Geburt oder in den Wechseljahren.

Du bist Therapeutin oder Ärztin: Wir brauchen funktionelles Denken statt Standardübungen

Wenn du mit Frauen arbeitest, kennst du wahrscheinlich beide Extreme: die Patientin, die bei jedem Husten Urin verliert und die, die trotz Senkung kaum Symptome hat. 

Genau hier zeigt sich, wie wichtig funktionelles Denken ist.

Senkung und Inkontinenz sind nämlich keine rein mechanischen Probleme. Sie sind Ausdruck eines Systems, das aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und genau deshalb reicht es nicht, den Beckenboden nur kräftigen zu lassen.

In unserer Beckenboden-Fortbildung geht es um genau dieses differenzierte Hinschauen: um präzise interne Befundung, um Gewebequalität, um Timing, um das Zusammenspiel von Atmung und Druckregulation. 

Es geht um Sicherheit in der vaginalen Palpation, fachlich und kommunikativ. Und es geht um interdisziplinäres Denken, das Gynäkologie, Physiotherapie und ganzheitliche Medizin verbindet.

Denn Frauengesundheit verdient mehr als Standardprotokolle. Sie verdient Fachwissen, Sensibilität und den Mut, genauer hinzusehen.