Erfahre in dem Artikel, wie du deine Schmerzen und langjährigen Symptome durch die Endometriose mit vaginaler Therapie ganzheitlich behandeln kannst.

„Vielleicht ist das einfach meine normale Periode.“
„Andere Frauen halten das doch auch aus.“
„Vielleicht bin ich einfach ein bisschen empfindlich.“

Wenn du das schon einmal gedacht hast, bist du damit nicht allein.

Endometriose ist eine der häufigsten gynäkologischen Erkrankungen und gleichzeitig eine der am meisten unterschätzten. Zwischen ersten Symptomen und Diagnose vergehen im Schnitt sieben bis zehn Jahre. Jahre voller Schmerzen. Jahre voller Zweifel.

Für diesen Beitrag hat Dr. Rieke Hermann, Frauenärztin und Mitgründerin der MamAcademy, mit einer Frau gesprochen, die sich seit Jahren genau diesen Patientinnen widmet: Hélène Menapace, Physiotherapeutin, Osteopathin und internationale Dozentin für interne vaginale Therapie mit eigener Praxis.

Helene arbeitet in Wien ausschließlich mit Frauen. Ihr Schwerpunkt: chronische Beckenschmerzen, Endometriose und gynäkologische Erkrankungen. Sie sagt im Interview einen sehr entscheidenden Satz:

„Endometriose-Patientinnen sind nicht hypersensibel. Sie sind hochsensibel geworden – durch jahrelangen Schmerz.“

In diesem Interviewartikel klären wir: 

Was bedeutet das für die Therapie?
Warum ist die vaginale Behandlung so bahnbrechend?
Und weshalb braucht es endlich mehr mutige Therapeutinnen?

Wir nehmen dich mit in ein Gespräch.

„Endometriose ist keine einzelne Erkrankung – sie ist ein Systemgeschehen.“

Rieke: Helene, bevor wir tief einsteigen, erkläre doch einmal: Wer bist du und wie bist du zur Frauengesundheit gekommen?

Helene: Eigentlich ganz organisch. Ich arbeite als Physiotherapeutin und Osteopathin in Wien und habe mich irgendwann entschieden, nur noch Frauen zu behandeln. Und wenn man beginnt, sich intensiv mit Frauen zu beschäftigen, landet man automatisch bei Menstruationsbeschwerden. Und wenn man wiederum da tiefer geht, landet man sehr schnell bei Endometriose.

Was mich jedoch besonders geprägt hat, war die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Disziplinen. Denn mir wurde schnell klar: Endometriose ist keine Erkrankung, die man mal eben allein behandeln kann. Sie ist komplex. Multisystemisch. Und daher braucht sie Teamarbeit.

Warum die „Diagnose Endometriose“ oft keine Hilfe ist

Rieke: Viele Frauen kommen in meine Praxis mit den typischen Symptomen: starke Periodenschmerzen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Verdauungsprobleme rund um die Menstruation. Nicht jede hat eine gesicherte Diagnose. Zudem ist die operative Diagnostik ist nach wie vor Standard.

Mittlerweile fragen mich aber viele Frauen: Was bringt mir die Diagnose schwarz auf weiß, wenn ich weder operiert werden möchte noch dauerhaft Hormone nehmen will?

Helene: Genau. Und an diesem Punkt beginnt unsere Aufgabe. Natürlich ist eine gute ärztliche Begleitung wichtig. Doch selbst wenn die Diagnose noch nicht gesichert ist, können wir schon so viel tun.

Ich frage immer ab: Wo genau sitzt der Schmerz? Wie lange besteht er? Und wie reagiert dein Körper insgesamt?

Denn klar ist: Endometriose betrifft nicht nur die Gebärmutter oder einzelne Herde. Sie betrifft das Nervensystem, das Immunsystem, die Faszien und die Verdauung.

Es ist ein Systemgeschehen.

Vaginale Behandlung bei Endometriose kann entscheidende Hilfe sein

Weiblicher Beckenboden Ansicht
Beckenbodenmuskulatur

Rieke:

Endometrioseherde sitzen häufig tief im kleinen Becken, zwischen Gebärmutter, Darm, Eierstöcken und Beckenboden. Von außen ist dieser Bereich nur begrenzt zugänglich. Jedoch lernen viele in ihrer Ausbildung externe Techniken. Die interne Arbeit wird oft vernachlässigt. Warum ist sie so wertvoll?

Helene:

Weil wir lokal arbeiten können. Direkt dort, wo das Geschehen stattfindet. Ganz wichtig: Wir arbeiten nicht auf den Herden. Wir lösen keine Endometriose weg. Aber wir mobilisieren das umliegende Gewebe und verbessern dadurch die Durchblutung. Und Durchblutung ist Heilungsvoraussetzung.

Ich sage immer: Wenn Gefäße komprimiert sind, kann kein Gewebe regenerieren. Wenn wir Spannung reduzieren, Entzündungsmediatoren besser abtransportiert werden und das Nervensystem sich beruhigt, dann verändert sich in Folge auch der Schmerz.

Das erleben wir immer wieder.

image

Schmerz ist nicht gleich Endometrioseherd

Rieke: Was ich in der Praxis immer wieder erlebe: Der Endometrioseherd selbst ist nicht automatisch der Schmerzverursacher. Es gibt Frauen mit ausgeprägten Befunden und kaum Beschwerden. Und andere mit kleinen Endometrioseherden und massiven Schmerzen.

Wie schätzt du das ein?

Helene:

Nach sieben, acht oder zehn Jahren Schmerz ist das Nervensystem überfordert. Diese Frauen sind nicht empfindlich. Sie sind erschöpft. Ihr ganzes System ist erschöpft. Die chronische Entzündung hypersensibilisieren das Gewebe und unser Nervensystem lernt mit der Zeit, schneller Alarm zu schlagen. .

Und genau deshalb darf man Endometriose nicht behandeln wie eine Schulter.

„Endometriose-Patientinnen sind wie Feen.“

Helene:

Man muss mit den Patientinnen vorsichtig sein. Langsam anfangen. Reaktionen beobachten. Nicht überbehandeln.

Wenn wir nämlich zu intensiv arbeiten, kann das System in eine Art Erschöpfungsreaktion gehen. Das heißt nicht, dass die Therapie falsch war. Aber es zeigt, wie sensibel das Nervensystem ist.

Deshalb ist für mich Ganzheitlichkeit entscheidend:

Wir arbeiten am Beckenboden, aber wir denken immer das Gehirn mit. Dort sitzt die  zentrale Schmerzverarbeitung und die vegetative Regulation.

Ganzheitliche Therapie bei Endometriose: Mehr als nur eine OP

Rieke: Ich arbeite bei meinen Patientinnen viel mit Ernährung als entzündungsmodulierenden Faktor. Auch wenn die „Endometriose-Diät“ erstmal streng wirkt.

Dazu gehört: Ersteinmal radikal Gluten und Zucker streichen, So gut es geht pflanzliche Ernährung plus bestimmte Nahrungsergänzungsmittel wie Omega 3 Fettsäuren, Vitamin D. ggf. dann im verlauf wieder langsam Nahrungsmittel hinzunehmen.

Viele Patientinnen berichten mir nach vier bis acht Wochen von deutlich weniger Schmerzen.

Helene:

Ich unterstütze das, dem Körper eine Reha-Phase zu geben. Eine Phase, in der er durchatmen darf. Aber: Wir dürfen nicht die Lebensfreude nehmen. Therapie darf fordern, aber sie darf nicht isolieren.

Es geht bei Endometriose ganz viel um Balance und Wohlbefinden. Ein überaktives Nervensystem ist bei Endometriose häufig.

Oftmals hilft dabei eine Kombinationen aus:

  • manueller Therapie
  • Neuraltherapie
  • Mikronährstoffen (Vitamin B, Vitamin D, Omega-3)
  • stressregulierenden Strategien
  • sanfter Bewegung wie Yoga oder Faszientraining

All diese Maßnahmen können hier große Unterschiede machen. Die Symptome einer Endometriose zu verbessern bedeutet auch ganz viel, das Nervensystem zu regulieren.

Für Therapeutinnen: Warum interne Techniken gelernt werden müssen

Rieke: Du bildest seit Jahren Physiotherapeutinnen, Osteopathinnen und Ärztinnen in interner vaginaler und rektaler Therapie aus. Worin siehst du den Kern deiner Arbeit?

Helene:
Wir brechen ein Tabu. Das ist wichtig. Viele Therapeutinnen fühlen sich unsicher, wenn es um vaginale Palpation geht. Dabei haben wir dort dieselben Gewebe wie in der Schulter: Muskeln, Faszien, Nerven.

In unseren Fortbildungen lernen die Teilnehmerinnen:

  • klare anatomische Orientierung
  • sichere Befundung
  • lokale Mobilisationstechniken
  • Kommunikation bei Schmerzpatientinnen
  • Trauma-Sensibilität

Und ja, sie üben praktisch.

Rieke: Und genau dieser praktische Teil schafft eine unglaubliche Atmosphäre. Vertrauen. Austausch. Empowerment. Am Ende des Tages gehen die Teilnehmerinnen nicht nur mit Technik nach Hause, sondern mit einer ganz neuen Sichtweise auf die Endometriose.

Hier das gesamte Interview mit Helene Menapace hören: 

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

(Einbetten)

Für dich als betroffene Frau: Du bist nicht zu empfindlich

Vielleicht hast du lange gedacht, das sei eben dein Körper. Deine Art, deine Periode zu erleben. Vielleicht hast du auch gehört, dass starke Schmerzen normal seien. Vielleicht hast du sogar begonnen, an dir selbst zu zweifeln.

Lies das bitte langsam: Deine Schmerzen sind real.

Endometriose ist keine Einbildung. Keine niedrige Schmerzgrenze. Da hilft kein “Da musst du durch“. Sie ist eine komplexe, chronische Erkrankung, die deinen ganzen Körper betreffen kann. Dein Gewebe, dein Nervensystem, deine Verdauung, deine Energie.

Und genau deshalb darf auch deine Behandlung komplex sein.

Es gibt nicht nur Pille oder OP. Es gibt Zwischenräume und Hilfe.  Sei das zum Beisoiel die manuelle Therapie, die Spannungen löst und dein Nervensystem beruhigt. Oder die Ernährung, die Entzündungen reduzieren kann. 

Und es gibt gut ausgebildete Therapeutinnen, die sich Zeit nehmen und Wege finden, die dich wieder in Verbindung mit deinem Körper bringen, statt gegen ihn zu kämpfen.

Endometriose braucht Unterstützung. Und du darfst sie dir holen.

Für dich als Therapeutin oder Ärztin: Wir brauchen keine Einzelkämpferinnen – wir brauchen Netzwerke

Wenn du mit Frauen arbeitest, kennst du diese Fälle. Die Patientin, die schon alles ausprobiert hat und mit einem dicken Ordner voller Befunde kommt. 

Die müde ist vom Erklären und die trotzdem noch Hoffnung mitbringt.

Vielleicht kennst du auch dieses Gefühl: Ich möchte helfen, aber ich stoße an Grenzen.

Genau hier setzt interdisziplinäre Zusammenarbeit an. Endometriose ist nicht als ein Fachbereich zu verstehen, den man isoliert behandeln kann. Sie berührt Gynäkologie, Physiotherapie, Osteopathie, Ernährung, Schmerztherapie und Psychosomatik. 

Niemand von uns kann alles wissen. Aber wir können uns vernetzen, uns austauschen und gemeinsam denken.

Helene sagt es so klar:

 „Niemand muss alles können. Aber wir dürfen lernen, miteinander zu arbeiten.“

Unsere Beckenboden-Fortbildung ergänzen sich hervorragend mit den Inhalten von Hélène Menapace.

  • Leitlinie der Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V.: S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Endometriose. Leitlinie: 2025. https://register.awmf.org/… 
  • Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin: Endometriose – Ein häufiger Grund für Unterleibsschmerzen. https://www.patienten-information.de/… 
  • De Corte P, Klinghardt M, von Stockum S et al.: Time to Diagnose Endometriosis: Current Status, Challenges and Regional Characteristics—A Systematic Literature Review. In: BJOG: 07.10.2024, https://doi.org/…
  • Becker CM, Bokor A, Heikinheimo O et al.: ESHRE guideline: endometriosis. In: Human Reproduction Open: 26.02.2022, https://doi.org/…
  • Schenken RS: Endometriosis in adults: Clinical features, evaluation, and diagnosis. Medium: Post TW, ed. UpToDate. Waltham, MA: UpToDate Inc.: https://www.uptodate.com/… 
  • Schenken RS: Endometriosis in adults: Pathogenesis, epidemiology, and clinical impact. Medium: Post TW, ed. UpToDate. Waltham, MA: UpToDate Inc.: https://www.uptodate.com/…