Du fragst dich, warum du in der Schwangerschaft nicht auf dem Rücken schlafen solltest? Dr. med. Rieke Hermann erklärt das Vena-Cava-Syndrom.

Schwanger sein heißt, ein kleines Wunder in sich zu tragen. Schwanger sein heißt aber auch, müde zu sein wie noch nie im Leben und irgendwann heißt es dann: Bitte ab jetzt nicht mehr auf dem Rücken schlafen. Ein Satz, der bei vielen Schwangeren zunächst ein müdes Lächeln auslöst. Als wäre Schlafen in der Schwangerschaft nicht sowieso schon eine Herausforderung, kommt dann schließlich noch diese Einschränkung obendrauf.

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Was passiert in der Rückenlage eigentlich im Körper?

Um zu verstehen, warum die Rückenlage in der Schwangerschaft problematisch werden kann, brauchen wir kurz ein bisschen Anatomie.

Im Bauch verläuft rechts neben der Wirbelsäule die Vena cava inferior, auf Deutsch: die untere Hohlvene. Sie ist eines der größten Blutgefäße im Körper und hat eine entscheidende Aufgabe: Die Vena cava transportiert sauerstoffarmes Blut aus der unteren Körperhälfte zurück zum Herzen. Von dort aus geht es in die Lunge, wird frisch mit Sauerstoff beladen und dann wieder in den Körper gepumpt.

Jetzt stell dir vor, du legst dich flach auf den Rücken. Im dritten Trimester liegt dann da noch eine beachtlich gewachsene Gebärmutter, die mit Baby, Fruchtwasser und Plazenta locker vier bis sechs Kilogramm wiegt. Genau dieses Gewicht drückt, wenn du flach liegst, auf diese Vene.

Als Ergebnis folgt dann nicht selten das sogenannte Vena-Cava-Kompressionssyndrom oder kurz: Vena-Cava-Syndrom: Der Blutfluss zum Herzen wird reduziert, der Blutdruck fällt ab und Plazenta sowie Baby bekommen häufig weniger sauerstoffgesättigtes Blut. Stell dir vor, jemand tritt auf einen Gartenschlauch. Das Wasser kommt vielleicht noch durch, aber nicht mehr so viel und nicht mehr so gut.

„Das Bild mit dem Gartenschlauch nutze ich in meiner Praxis immer. Es klingt banal, beschreibt aber genau, was beim Vena-Cava-Syndrom passiert: Der Fluss wird nicht gestoppt, aber er wird erheblich eingeschränkt. Und das spürt manchmal sogar schon die Mutter, bevor es das Baby spürt.“  – Dr. med. Rieke Hermann

Ab wann ist die Rückenlage in der Schwangerschaft ein Problem?

Die gute Nachricht zuerst: Im ersten und zweiten Trimester kannst du schlafen, wie du willst. Die Gebärmutter ist meistens noch nicht groß genug, um auf die Vena cava zu drücken. Du kannst auf dem Rücken schlafen oder auf dem Bauch, was in der Praxis irgendwann von selbst aufhört, weil es schlicht unbequem wird. Viele schlafen auf der Seite, wie immer. Bis zur etwa 25. Schwangerschaftswoche ist da noch kein Problem.

Doch ab dem dritten Trimester (also ab der 28. Schwangerschaftswoche) ändert sich das bei vielen Frauen. Jetzt ist die Gebärmutter nämlich groß und schwer genug, um in Rückenlage einen spürbaren Druck auf die Vena cava auszuüben. Genau dieser Zeitraum ist es, auf den sich die meisten Studienempfehlungen beziehen.

Viele Ärztinnen und Hebammen nutzen bereits die 20. Woche als grobe Orientierung, ab der die Seitenlage beim Schlafen bevorzugt werden sollte, um das Risiko für das Vena-Cava-Syndrom zu senken. Es gibt auch die Faustformel: Ab dem Moment, in dem du anfängst, die Schwangerschaft deutlich am Bauch zu spüren, ist die Seitenlage die bessere Wahl.

Was sagen die Studien: Wie groß ist das Risiko wirklich?

Hier möchte ich transparent sein, weil das Thema online manchmal mehr Angst macht, als es eigentlich sollte und manchmal dann doch wieder weniger, als angebracht wäre.

Es gibt mehrere Studien, die einen Zusammenhang zwischen Rückenlage im Schlaf und einem erhöhten Risiko für Totgeburt nach der 28. Schwangerschaftswoche zeigen.

Eine viel zitierte Studie der Universität Auckland zeigte, dass das Risiko einer Totgeburt bei Frauen, die auf dem Rücken schliefen, um das 2,5-fache erhöht war. Eine große britische Studie der Universität Manchester bestätigte: Einschlafen auf dem Rücken erhöht das Risiko für eine Totgeburt nach der 28. Woche um mehr als das Doppelte. (Studie – Deutsches Ärzteblatt)

Das klingt erstmal erschreckend. Doch jetzt die wichtige Einordnung: Das absolute Risiko einer Totgeburt in Deutschland liegt bei etwa zwei bis fünf Fällen auf 1.000 Geburten. Es ist also zum Glück insgesamt sehr selten. Eine Verdoppelung eines seltenen Risikos macht es zwar relevanter, allerdings nicht zur Wahrscheinlichkeit.

Die Botschaft der Studien lautet demzufolge: Die Rückenlage ist ein vermeidbarer Risikofaktor. Nicht mehr, nicht weniger.

„Ich sage meinen Patientinnen: Das Ziel ist, das Risiko zu minimieren, wo es geht. Nicht, die Nächte mit Angst zu verbringen. Beides gleichzeitig geht nicht und das Zweite hilft dir und deinem Baby gar nichts.“  – Dr. med. Rieke Hermann

Was passiert, wenn ich nachts auf dem Rücken aufwache?

Das ist die Frage, die ich am häufigsten bekomme. Vorweg: Die Antwort ist für dich ziemlich beruhigend.

Wenn du nachts auf dem Rücken aufwachst: Dreh dich einfach auf die Seite und schlaf weiter. Das war’s. Verfalle nicht in Panik und habe auch kein schlechtes Gewissen. Nicht selten weckt dein Körper dich auf, wenn er merkt, dass etwas nicht stimmt – genau so, wie er soll. Die Studien zeigen übrigens, dass es vor allem auf die Einschlafposition ankommt und nicht auf jede Schlafposition im Verlauf der Nacht. Wer auf der Seite einschläft, aber nachts auf den Rücken rollt, hat ein anderes Risikoprofil als jemand, der bewusst auf dem Rücken einschläft.

Darüber hinaus ist der Körper nicht passiv. Wenn der Druck auf die Vena cava zu groß wird, liefert er Signale. Darunter beispielsweise Schwindel, Herzklopfen oder ein unspezifisches, aber eindeutig unangenehmes Gefühl. Viele Frauen drehen sich deshalb intuitiv im Schlaf auf die Seite. Das Vena-Cava-Syndrom entsteht nicht nur durch die Rückenlage alleine, sondern erst durch mögliche Beschwerden.

Das ist unser wundervoller Körper, der schlichtweg seinen Job macht.

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Weitere Informationen

Welche Schlafposition ist in der Schwangerschaft am besten?

Klare Antwort: Links. Die linke Seitenlage ist die empfohlene Schlafposition für Schwangere ab dem dritten Trimester. Der Grund ist ebenfalls anatomisch: Die Vena cava verläuft rechts neben der Wirbelsäule. Wenn du auf der linken Seite liegst, verlagert sich die Gebärmutter weg von dieser Vene. So verläuft der Blutfluss optimal. Darüber hinaus profitieren Leber, Nieren und die gesamte Durchblutung der Plazenta von der linken Seitenlage.

Was aber genauso gilt: Die rechte Seitenlage ist deutlich besser als die Rückenlage. Wenn du auf der rechten Seite liegst, übt die Gebärmutter weniger Druck auf die Vena cava aus als in Rückenlage. Der Effekt ist vielleicht nicht bei Null, aber wesentlich geringer. Wer die ganze Nacht nur auf einer Seite schlafen soll, aber das schlicht nicht schafft (mal ehrlich, wer schafft das?), darf auch rechts schlafen.

Die Empfehlung lautet: Links bevorzugen, rechts akzeptieren, Rücken vermeiden. Damit senkst du optimal das Risiko für das Vena-Cava-Syndrom.

Was ist mit der Bauchlage?

Im ersten Trimester stellt die Bauchlage kein Problem dar. Doch ab dem zweiten Trimester erledigt sich das von selbst, weil ein wachsender Bauch schlicht keine Bauchlage mehr zulässt.

Falls du dir trotzdem noch etwas die Bauchlage wünschst: Es gibt spezielle Schwangerschaftskissen mit Bauchaussparung, die genau das ermöglichen. Kein Witz, das ist ein echtes Produkt und manche Frauen schwören darauf.

Wie schlafe ich überhaupt bequem auf der Seite?

Das ist die eigentlich praktische Frage. Denn das Wissen allein, dass man auf der Seite schlafen soll, hilft noch nicht viel, wenn man dabei Hüftschmerzen bekommt, der Arm einschläft und man sich fühlt wie ein gestrandeter Wal.

Schwangerschaftskissen

Ein U-förmiges oder C-förmiges Schwangerschaftskissen ist für viele Frauen eine der besten Investitionen in der gesamten Schwangerschaft. Es stützt gleichzeitig den Bauch von unten, den Rücken von hinten und den Kopf oben.

Dadurch liegt der Körper in einer stabilen Seitenlage, ohne die ganze Nacht aktiv dagegen anzukämpfen. Kauftipp: Lieber ein etwas größeres Modell, das wirklich um den Körper herum Unterstützung gibt.

Kissen zwischen die Knie

Wer kein Schwangerschaftskissen hat oder keines kaufen möchte: Ein normales Kissen zwischen die Knie legen. Das verhindert, dass das obere Bein nach vorne kippt und den Rücken verdreht. Klingt vielleicht banal, macht aber einen erheblichen Unterschied für die Schlafqualität und Hüftschmerzen.

Kissen unter den Bauch

Ein flaches Kissen, das den Bauch von unten stützt, nimmt das Gewicht des Bauches auf und entlastet die Lendenwirbelsäule und die Hüfte. Besonders hilfreich ab dem späten zweiten Trimester. Du wirst dich irgendwie sicherer fühlen.

Bett-Erhöhung für den Oberkörper

Einige Frauen, die zu Sodbrennen neigen (ein klassischer Begleiter der späten Schwangerschaft) profitieren manchmal davon, den Oberkörper leicht erhöht zu lagern. Das reduziert den Rückfluss von Magensäure. Ein Keilkissen unter der Matratze oder ein zusätzliches Kissen unter dem Oberkörper helfen hier.

Rücken-Stopper

Manche Frauen rollen im Schlaf auf den Rücken, ohne es zu merken. Ein simpler Trick: Ein zusammengerolltes Handtuch oder (Schwangerschafts-)Kissen im Rücken platzieren. Das schafft einen sanften Widerstand, der das unbewusste Zurückrollen verhindert. Funktioniert erstaunlich gut und reduziert auch das Risiko für das Vena-Cava-Syndrom.

Was ist mit Symphysenschmerzen, Rückenschmerzen und Co.?

Die Seitenlage ist optimal für die Durchblutung und zur Verhinderung des Vena-Cava-Syndrom, jedoch nicht immer optimal für alles andere. Symphysenschmerzen, Ischiasreizungen oder Hüftschmerzen sind leider häufige Begleiter der späten Schwangerschaft, die durch das stundenlange Liegen auf einer Seite verstärkt werden können. Hier gilt: Im Laufe der Nacht die Seite zu wechseln, ist ausdrücklich erlaubt und senkt ebenso das Risiko für das Vena-Cava-Syndrom. Zwischen links und rechts zu wechseln ist besser als die ganze Nacht bewegungslos auf einer Seite zu liegen und dafür morgens kaum aufstehen zu können.

Vielleicht Physiotherapie, vielleicht ein gutes Schwangerschaftsyoga-Programm und die richtigen Kissen machen in dieser Phase einen größeren Unterschied, als die meisten Frauen erwarten. Dein Körper ist gerade in einem Ausnahmezustand und verdient deine liebevolle Unterstützung.

Symptome, die auf das Vena-Cava-Syndrom hinweisen

Manche Frauen spüren die Auswirkungen der Rückenlage sehr deutlich, andere kaum. Wenn du in der Rückenlage folgende Symptome bemerkst, dreh dich sofort auf die Seite:

·       Schwindel oder Benommenheit.

·       Plötzlicher Blutdruckabfall – das Gefühl, als würde dir schwarz vor Augen.

·       Herzklopfen oder Herzrasen.

·       Kältegefühl oder Blässe.

·       Übelkeit, die plötzlich und ohne anderen Auslöser kommt.

·       Deutliche Abnahme der Kindsbewegungen in Rückenlage.

Alle diese Zeichen sind das Signal deines Körpers: Falsche Position, bitte korrigieren. Dreh dich auf die Seite und atme langsam durch. In den allermeisten Fällen normalisiert sich alles innerhalb von wenigen Minuten.

Wenn die Symptome anhalten oder du dir unsicher bist, rufe lieber deine Frauenärztin oder Hebamme an.

Kurz zusammengefasst: Das Wichtigste zur Schlafposition in der Schwangerschaft und dem Vena-Cava-Syndrom

Bis zur 20. Schwangerschaftswoche: Schlaf bitte, wie du willst. Doch ab dem dritten Trimester, also ab der 28. Woche, bevorzuge die linke Seitenlage. Rechts ist akzeptabel. Die Rückenlage doch, wie erklärt, besser vermeiden. Du bist auf dem Rücken aufgewacht? Einfach umdrehen und weiterschlafen – keine Panik!

Es ist dir zu unbequem auf der Seite? Dann sind Schwangerschaftskissen und ein Kissen zwischen die Knie deine Freunde. Dich plagen Symptome wie Schwindel in Rückenlage? Dann bitte sofort auf die Seite drehen, um das potentielle Risiko für das Vena-Cava-Syndrom zu vermeiden.

Doch das Allerwichtigste: Du schläfst gerade für zwei, bist müde für zwei und bewältigst gerade einen Körpereinsatz, den kein anderer Mensch für dich leisten kann. Ein bisschen Wohlwollen für dich selbst ist in dieser Phase kein Luxus. Sei lieb zu dir und tue dir etwas Gutes!

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