Das Baby ist endlich da, doch plötzlich hast du heftige Wassereinlagerungen nach der Geburt? Dr. med. Rieke Hermann verrät dir, was jetzt hilft!

Du hast die Geburt hinter dich gebracht und dein Baby liegt endlich in deinen Armen. Nun startet die Phase der Rückbildung. Leichter fühlst du dich aktuell nämlich noch gar nicht. Klar, der Bauch ist wie erwartet noch deutlich spürbar. Doch womit du nicht gerechnet hast, ist der Anblick deiner Beine: Die Knöchel, die Waden und die Füße sehen aus, als wären sie frisch aufgepumpt und sind schwer wie Pflastersteine.

Willkommen im Wochenbett! Mal ehrlich: Niemand beschreibt es so, wie es wirklich ist. Die meisten Bilder zeigen eine glückliche Mama mit einem schlafenden Neugeborenen auf der Brust. Was wir selten sehen: Dicke Beine, tiefe Sockenabdrücke am Knöchel und das Gefühl, mit prall gefüllten Wasserballons zu laufen statt mit deinen eigenen Beinen.

Das sind klassische Wassereinlagerungen nach der Geburt. Sie treffen sehr viele Frauen, oft total unvorbereitet, und manchmal sogar stärker als während der Schwangerschaft.

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Warum werden die Wassereinlagerungen nach der Geburt manchmal erst schlimmer?

Nicht wenige Frauen werden nach der Geburt mit starken Wassereinlagerungen überrascht. Leider, denn die Situation kann sehr frustrierend sein. Dein Baby ist da. Die Plazenta ist weg. Doch plötzlich sehen die Beine am zweiten oder dritten Tag nach der Geburt schlimmer aus als am letzten Tag der Schwangerschaft. Gerne zeigen sie sich auch an den Händen oder im Gesicht. Wie ist das möglich?

Die Antwort liegt, wie so oft, in unseren Hormonen sowie in der schlichten Physik des Geburtsgeschehens. Bei einer vaginalen Geburt wird der gesamte Körperstamm massiv belastet: Die Pressphase erhöht den Druck im Bauch und Becken enorm, die Gewebestrukturen werden gedehnt und belastet. Zudem kommt das Lymphsystem kurzfristig an seine Grenzen. Bei einem Kaiserschnitt kommt zusätzlich eine größere operative Wunde hinzu, auf die der Körper mit einer Entzündungsreaktion reagiert. Entzündungsreaktionen bedeuten immer auch: Wassereinlagerung im Gewebe.

Gleichzeitig produziert der Körper im Wochenbett weiterhin das Stillhormon Prolaktin und Oxytocin. Beides Hormone, die den Flüssigkeitshaushalt beeinflussen. Während Prolaktin die Milchbildung ankurbelt und dabei auch Flüssigkeit im Körper hält, sorgt Oxytocin für die Rückbildung der Gebärmutter, wobei ebenfalls Flüssigkeit freigesetzt wird, die der Körper erst noch verarbeiten muss. Das System braucht einfach etwas Zeit, um sich zu sortieren. (Weiterführende med. Infos)

„Ich erkläre meinen Patientinnen immer: Dein Körper hat in den letzten neun Monaten bis zu fünf Liter zusätzliche Flüssigkeit angesammelt. Die geht nicht am Tag der Geburt einfach weg. Er braucht Zeit, um das geordnet auszuschwemmen. Und manchmal akkumuliert sich noch etwas, bevor es wirklich besser wird.“  – Dr. med. Rieke Hermann

Was passiert genau in den ersten Tagen nach der Geburt?

Dein Körper war neun Monate lang auf einen einzigen Zustand eingestellt: die Schwangerschaft. Alles war darauf ausgerichtet, ein Baby zu nähren, zu schützen und wachsen zu lassen. Dein Blutvolumen hat sich um bis zu 50 Prozent erhöht. Zudem liefern die Hormone Progesteron und Östrogen auf Höchstniveau. Die Nieren haben anders gefiltert und das Gewebe Flüssigkeit anders gebunden.

Mit der Geburt der Plazenta fällt schließlich alles auf einmal ab: Der hCG-Spiegel, also das Schwangerschaftshormon, sackt innerhalb von Stunden in den Keller. Progesteron und Östrogen folgen in den ersten Tagen. Weiterhin muss sich das Blutvolumen neu regulieren. Die zusätzlichen Flüssigkeitsreserven, die der Körper in den letzten Monaten angesammelt hat, müssen demzufolge irgendwo hin. Die Lösung des Körpers ist so simpel wie effektiv: Er schwemmt sie aus, was hauptsächlich über zwei Wege passiert.

Erstens über Urin: Viele Frauen berichten – manche mit einer gewissen Genervtheit, manche mit echter Begeisterung – dass sie in den ersten Tagen nach der Geburt außerordentliche Mengen Urin produzieren. Drei bis vier Liter am Tag sind nämlich keine Seltenheit. Meine Liebe, das ist dein Körper, der sein Lager räumt.

Zweitens über Schwitzen: Nachtschweiß im Wochenbett ist extrem häufig und hat genau denselben Grund. Morgens aufwachen und merken, dass das Bettlaken komplett nass ist, ist zwar erst einmal unangenehm, aber ein gutes Zeichen. Dein Körper arbeitet auf Hochtouren.

Und der dritte Weg, den viele nicht auf dem Schirm haben: Stillen. Das Stillen unterstützt die Rückbildung und den Flüssigkeitsabbau, weil die Milchproduktion Energie und Flüssigkeit kostet. Gleichzeitig lässt Oxytocin beim Stillen die Gebärmutter zusammenziehen, was einen großen Teil der Rückbildung ausmacht.

Also, mach dir keine Sorgen: Es geht voran!

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Weitere Informationen

Wie lange dauern Wassereinlagerungen nach der Geburt?

Die ehrliche Antwort, die ich meinen Patientinnen immer gebe: Es kommt darauf an. Was definitiv keine befriedigende Antwort ist, ich weiß. Deshalb hier die nüchternen Zahlen:

Bei den meisten Frauen sind die stärksten Schwellungen nach ein bis zwei Wochen deutlich reduziert. Der Körper beginnt in den ersten 24 bis 48 Stunden nach der Geburt aktiv auszuschwemmen.

Die ersten positiven Veränderungen sieht man oft schon in der ersten Woche. Nach vier bis sechs Wochen sollten die Wassereinlagerungen in der Regel vollständig verschwunden sein. Bei manchen Frauen geht es schneller, bei anderen dauert es bis zu fünf Wochen. Wer nach sechs Wochen noch deutliche Schwellungen hat, sollte diese ärztlich abklären lassen.

Was den Abbau der Wassereinlagerungen beeinflusst:

·       Wie stark die Einlagerungen in der Schwangerschaft waren. Wer bereits zuvor mehr Wasser eingelagert hat, wird vermutlich länger brauchen.

  • Ob du stillst oder nicht. Stillen kann den Prozess unterstützen. Allerdings können Hormonschwankungen durch das Stillen die Einlagerungen auch kurzzeitig verlängern.
  • Wie viel Bewegung du dir im Wochenbett erlaubst. Wer aktiver ist (in Maßen), wird die Einlagerungen schneller los.
  • Und wie dein individuelles Hormonsystem auf die Umstellung reagiert. Denn wie bei so vielem in der Frauengesundheit: Es gibt den Durchschnitt, und dann gibt es eben deinen individuellen Körper.

Tipp: Nicht auf die Waage starren

Viele Frauen steigen kurz nach der Geburt auf die Waage und sind verwirrt: Obwohl dein Baby und die Plazenta nicht mehr in deinem Bauch sind, zeigt die Waage fast dasselbe Gewicht wie vor der Geburt. Das liegt genau daran: Das Wasser ist noch drin! In den ersten Tagen kann das Gewicht sogar kurzfristig steigen, bevor es fällt. Bitte gib der Waage in dieser Phase Urlaub. Sie misst gerade echt nichts Sinnvolles.

Was hilft wirklich gegen Wassereinlagerungen nach der Geburt?

Und jetzt das, wofür du hier bist. Die Tipps, die tatsächlich etwas bewirken und für eine frisch gebackene Mama realistisch und umsetzbar sind – auch wenn du dein Neugeborenes im Arm hast und kaum Zeit für dich selbst findest.

1. Trinken. Wirklich viel trinken.

Ja, auch wenn du das Gefühl hast, dass da schon genug Wasser in dir ist. Ausreichende Flüssigkeitszufuhr (mindestens zwei bis drei Liter am Tag, beim Stillen auch mehr) signalisiert dem Körper, dass kein Mangel herrscht. Wer zu wenig trinkt, bringt die Nieren dazu, Flüssigkeit zu konservieren statt auszuscheiden.

Das Paradox bleibt demzufolge: Um Wasser loszuwerden, muss man trinken. Wasser, ungesüßte Kräutertees wie Brennnessel, Löwenzahn oder Birkenblätter haben zusätzlich eine leicht entwässernde Wirkung und sind in der Stillzeit gut verträglich.

Am besten vorab kurz bei der Hebamme rückfragen.

2. Beine hochlegen, wann immer es geht.

Das ist der einfachste, sofort umsetzbare Tipp und er funktioniert. Die Schwerkraft ist ein Feind, wenn Wasser in den Beinen steckt. Also darfst du gegen die Schwerkraft arbeiten: Deine Beine beim Stillen oder beim Einschlafen auf ein Kissen legen oder leicht erhöht lagern, zum Beispiel auf dem Sofa auf der Armlehne. Zehn Minuten mehrmals täglich machen einen spürbaren Unterschied. Und falls jemand fragt, was du gerade machst: „Medizinisch empfohlene Ruheposition.“ Stimmt wirklich.

3. Sanfte Bewegung. Kein hartes Training.

Spazierengehen ist mega. Die Wadenmuskulatur funktioniert wie eine biologische Pumpe: Jeder Schritt drückt Blut und Lymphflüssigkeit aus den Beinen nach oben. Schon zehn bis zwanzig Minuten ruhiges Gehen am Tag ist im frühen Wochenbett völlig ausreichend und fördert den Abfluss erheblich. Bitte kein HIIT. Kein Laufen. Und kein „Ich möchte schnell wieder fit werden“. Dein Körper braucht jetzt Regeneration und keine Höchstleistung.

Leichte Fußübungen im Sitzen oder Liegen helfen ebenfalls: Füße im Kreis drehen, Zehen strecken und beugen, Füße anziehen und wegstrecken. Das geht sogar beim Stillen und aktiviert die Wadenpumpe, ohne dass du dabei aufstehen musst.

4. Kühle Anwendungen und Wechselduschen.

Kühle, feuchte Tücher um die Unterschenkel wickeln oder die Beine unter der Dusche von unten nach oben mit kühlem Wasser abduschen, im Wechsel mit warmem Wasser. Das verengt und weitet die Blutgefäße und regt damit den Rückfluss an. Schon klar, dass es sich dabei nicht um das angenehmste Wellness-Erlebnis für übermüdete Mamas handelt, aber es hilft. Alternativ: Ein kühles Fußbad mit etwas Meersalz. Fünfzehn Minuten und die Beine danach hochlegen. Das fühlt sich tatsächlich gut an und tut was.

5. Ernährung: Kalium rein, übertriebenes Salz raus.

In der Medizin wissen wir: Salz bindet Wasser. Stark verarbeitete Lebensmittel, Fertiggerichte, Chips oder andere salzige Snacks erhöhen die Wassereinlagerungen. Das heißt nicht, dass du alles salzfrei essen sollst, denn dein Körper braucht Mineralien und Elektrolyte, besonders beim Stillen. Doch etwas bewusster auf Jodsalz setzen und Fertigkram reduzieren macht sich bemerkbar. Kaliumreiche Lebensmittel, wie Bananen, Kartoffeln mit Schale, Avocado, Spinat oder Linsen, helfen dem Körper dabei, überschüssiges Natrium auszuscheiden und den Flüssigkeitshaushalt zu regulieren. Eine Banane morgens und Kartoffeln mittags: Das klingt nach einem sehr bescheidenen Lifestyle-Tipp und ist trotzdem wirklich effektiv.

6. Kompressionsstrümpfe. Leider underrated.

Ich weiß, das klingt nach dem Kleiderschrank deiner Oma. Doch medizinische Kompressionsstrümpfe der Klasse 1 oder 2 sind eine der wirkungsvollsten Maßnahmen bei Beinödemen – besonders im Wochenbett. Sie fördern den Rückfluss aus den Venen, verhindern weiteres Absinken der Flüssigkeit in die Beine und machen sie am Abend spürbar leichter. Morgens gleich nach dem Aufstehen anlegen, bevor die Schwerkraft ihren Tagesdienst antritt. Ein Wermutstropfen: Inzwischen gibt es wirklich schöne Modelle.

7. Lymphdrainage, wenn es hartnäckig bleibt.

Wenn die Schwellungen nach zwei Wochen noch sehr ausgeprägt sind, kann eine manuelle Lymphdrainage beim Physiotherapeuten sehr hilfreich sein. Diese sanfte Massagetechnik aktiviert das Lymphsystem gezielt und fördert den Abtransport von eingelagerter Flüssigkeit. Das sollte für dich kein Luxus, sondern eine sinnvolle Maßnahme für dein Wohlbefinden sein. Dein Körper hat gerade jede Unterstützung verdient, die du ihm geben kannst.

Was ist mit Wassereinlagerungen nach einem Kaiserschnitt?

Kurze, wichtige Ergänzung: Nach einem Kaiserschnitt können die Wassereinlagerungen etwas hartnäckiger sein als nach einer Spontangeburt. Der Grund dafür: Bei einem operativen Eingriff reagiert der Körper immer mit einer Entzündungsreaktion im Gewebe, die lokal und systemisch Wasser einlagert. Hinzu kommt, dass während des Eingriffs häufig großzügig Infusionslösung gegeben wird, was zusätzliche Flüssigkeit im Kreislauf bedeutet, die ja im Anschluss irgendwo hin muss.

Alle Tipps oben gelten aber auch nach einem Kaiserschnitt. Einschränkung: Wechselduschen und kühle Anwendungen im Bereich der Wunde vorerst vermeiden. Zudem solltest du Bewegung sehr vorsichtig steigern und immer im Einklang mit dem, was die Hebamme und Ärztin empfehlen. Aber Beine hochlegen, trinken, leicht bewegen – alles davon funktioniert.

Wann solltest du mit Wassereinlagerungen nach der Geburt zur Ärztin?

Die meisten Wassereinlagerungen im Wochenbett sind harmlos und verschwinden ganz von selbst nach wenigen Tagen. Dennoch gibt es Situationen, in denen du nicht länger warten solltest.

Zur Ärztin oder Hebamme, wenn:

  • Die Schwellungen nach sechs Wochen noch deutlich vorhanden sind.
  • Wenn nur ein Bein geschwollen ist. Denn das könnte auf eine Thrombose hinweisen, die nach der Geburt ein erhöhtes Risiko darstellt und dringend abgeklärt werden muss.
  • Wenn die Schwellung von Schmerzen, Rötung, Wärme oder Verhärtung im Bein begleitet wird.
  • Wenn du gleichzeitig Kopfschmerzen, Sehstörungen oder einen stark erhöhten Blutdruck feststellst. Denn das könnte auf eine postpartale Präeklampsie hindeuten, die ernst zu nehmen ist.

Im Zweifel immer: lieber anrufen als warten.

„Ein Bein, das anders aussieht als das andere, ist kein „das wird schon“-Befund. Das wird der Anruf beim Arzt fällig. Thrombosen oder Präeklampsie nach der Geburt sind wirklich selten, aber sie passieren. Dann müssen sie auch schnell behandelt werden.“  – Dr. med. Rieke Hermann

Fazit: Dein Körper arbeitet. Gib ihm ein bisschen Zeit und ein paar gute Bedingungen

Wassereinlagerungen nach der Geburt sind nichts, womit du dich abfinden musst, aber auch nichts, gegen das du kämpfen musst wie gegen einen Feind. Dein Körper weiß, was er tut und hier sollten wir etwas Vertrauen entwickeln.

Er schwemmt aus, er reguliert, er stellt sich einmal komplett um. Darüber hinaus kann mit den richtigen kleinen Maßnahmen, also viel trinken, Beine hochlegen, bewegen, Kompressionsstrümpfe, eine Portion Geduld, der Prozess deutlich verbessert werden.

Was ich dir außerdem mitgeben möchte: Schau nicht auf die Waage, vergleich dich nicht mit der Freundin, die schon drei Wochen nach der Geburt ausgesehen hat wie vorher (und falls du das bist: herzlichen Glückwunsch und bitte behalte es kurz für dich).

Dein Körper hat Unvorstellbares geleistet. Seidene Wöchnerinnen gibt es nicht. Aber starke Frauen mit dicken Knöcheln und einem frischgeborenen Baby auf dem Arm? Die gibt es in rauen Mengen. Du bist da in sehr guter Gesellschaft.

Rückbildung mit der MamAcademy

Wenn du den Rückbildungsprozess nach der Geburt wirklich gut begleiten möchtest, nämlich nicht nur die Wassereinlagerungen, sondern auch deinen Beckenboden, deine Rumpfstabilität, dein Körperbewusstsein, dann schau dir unseren Postpartum Power Kurs der MamAcademy an.

Postpartum Power - Rückbildung