Du bist dir völlig unsicher, wie du mit Jod in der Schwangerschaft umgehen sollst? Wie es dich unterstützt und wann du vorsichtig sein sollst, erklärt Dr. med. Rieke Hermann.

Es war eine Patientin, die mich auf den Gedanken gebracht hat, diesen Artikel zu schreiben. Sie saß mir kürzlich gegenüber, sehr frühe Schwangerschaft, Anfang 30, alles schien gut.  Dann sagte sie: „Ich nehme übrigens kein Jod. Ich habe irgendwo gelesen, dass Jod in der Schwangerschaft gefährlich sein kann.“ Okay, nachdem ich einmal tief durchgeatmet habe, antwortete ich: „ Na da lass uns nochmal drüber reden.“

Dieses Missverständnis zum Thema Jod in der Schwangerschaft und auch in der Stillzeit begegnet mir regelmäßig und ich verstehe sogar, wo es herkommt. Im Internet kursieren genug Warnungen vor zu viel Jod. Frauen mit Schilddrüsenerkrankungen bekommen unterschiedliche Ratschläge von unterschiedlichen Ärztinnen, und Präparate für Schwangere gibt es neuerdings auch ohne Jod. Das wirft natürlich Fragen auf. Dazu kommen gut gemeinte Ratschläge aus Foren, die aus dem Zusammenhang gerissene Informationen weitergeben. Das Ergebnis: Verunsicherung genau da, wo Klarheit wirklich wichtig wäre.

Ich bin Dr. med. Rieke Hermann, Frauenzärztin und Mitgründerin der MamAcademy. Gemeinsam mit Katharina Charisssé, Prä- und Postnatal-Yogalehrerin und Mama-Coach, unterstützen wir Frauen auf ihrem Weg durch Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburt und die besondere Zeit danach – mit medizinisch-fundiertem Fachwissen.

Heute räumen wir  mit all dem auf, was du über Jod in der Schwangerschaft und Stillzeit bisher dachtest und nun genauer wissen möchtest.

Warum Jod in der Schwangerschaft so unverzichtbar ist

Jod ist ein Spurenelement, das der Körper nicht selbst herstellen kann und das trotzdem für lebenswichtige Prozesse benötigt wird. Das Wichtigste: Jod ist der Grundbaustein für die Schilddrüsenhormonproduktion. Ohne ausreichend Jod kann die Schilddrüse ihre Hormone T3 und T4 nicht bilden – und diese Hormone steuern Stoffwechsel, Energie, Körperwärme, Herzfrequenz und, ganz entscheidend in der Schwangerschaft, die Entwicklung des kindlichen Gehirns und Nervensystems.

Demzufolge steigt der Bedarf an Jod in der Schwangerschaft deutlich an. Die Schilddrüse der Mutter muss mehr Hormone produzieren als sonst, weil in der Frühschwangerschaft das Baby noch gar kein eigenes Schilddrüsenhormon herstellen kann und vollständig auf die mütterliche Versorgung angewiesen ist. Erst ab der zwölften bis vierzehnten Schwangerschaftswoche beginnt die eigene Schilddrüse des Babys, selbst zu arbeiten. Doch auch dann ist sie noch auf Jod angewiesen, das über die Plazenta transportiert wird. Zusätzlich scheidet die Niere der Mutter während der Schwangerschaft mehr Jod aus als sonst, was den Bedarf weiter erhöht.

Das Baby braucht ab dem zweiten Trimester ungefähr 50 Mikrogramm Jod pro Tag, das direkt aus den Reserven der Mutter entzogen wird. Ein Mangel trifft also immer beide gleichzeitig. Das Kind jedoch zuerst.

Wie viel Jod brauche ich in der Schwangerschaft täglich?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Schwangeren eine Jodzufuhr von insgesamt 230 Mikrogramm pro Tag (Quelle/Studie), Stillende sogar 260 Mikrogramm täglich. Das klingt zunächst viel, aber: Der durchschnittliche Jodbedarf einer erwachsenen Frau liegt bei 200 Mikrogramm pro Tag. Selbst den erreichen die wenigsten Deutschen regelmäßig.

Deutschland gilt laut WHO als Gebiet mit mildem bis moderatem Jodmangel. Unsere Böden sind von Natur aus jodarm, was bedeutet, dass das Getreide, Gemüse und Obst, das darauf wächst, ebenfalls wenig Jod enthält. Die mediane Jodzufuhr bei Frauen im reproduktionsfähigen Alter liegt Studien zufolge bei ungefähr 125 Mikrogramm pro Tag – also deutlich unter dem, was in der Schwangerschaft benötigt wird.

Deshalb lautet die aktuelle Empfehlung, zusätzlich zur Ernährung täglich 100 bis 150 Mikrogramm Jod in der Schwangerschaft als Supplement einzunehmen, kombiniert mit einer jodbewussten Ernährung, das heißt Jodsalz verwenden, regelmäßig Milch und Milchprodukte essen und gelegentlich Seefisch auf den Tisch bringen.

„Ich sage meinen Patientinnen immer: Jodsalz ist in der Küche keine Hexerei, sondern einfach eine der einfachsten Maßnahmen, die wir täglich für unsere Schilddrüsengesundheit tun können. Und in der Schwangerschaft erst recht.“  – Dr. med. Rieke Hermann

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Weitere Informationen

Was passiert, wenn eine Schwangere Jodmangel hat?

Ein Jodmangel in der Schwangerschaft ist keine Kleinigkeit, auch wenn sich ein leichter Mangel bei der Mutter zunächst gar nicht bemerkbar macht. Die Folgen treffen vor allem das ungeborene Kind oft schwerer als die Mutter selbst, da das Baby im ersten Trimester vollständig abhängig von der mütterlichen Jodversorgung ist.

Symptome bei der Mutter bei Jodmangel

Ein leichter bis mittelschwerer Jodmangel verursacht bei Schwangeren häufig keine deutlichen Symptome, was ihn so tückisch macht. Mögliche Zeichen können sein: eine Vergrößerung der Schilddrüse, auch Struma genannt, ein Gefühl des Drucks oder Kloßes im Hals, zunehmende Müdigkeit und Antriebslosigkeit, Konzentrationsprobleme, Kältegefühl und Gewichtszunahme sowie trockene Haut und spröde Haare. Diese Symptome überschneiden sich allerdings stark mit typischen Schwangerschaftsbeschwerden, weshalb ein Jodmangel oft unerkannt bleibt.

Jodmangel-Folgen für das Baby

Hier wird es wirklich ernst und deswegen nehme ich das Thema in meiner Praxis so wichtig. Ein schwerer Jodmangel in der Frühschwangerschaft kann die Gehirnentwicklung des Kindes dauerhaft beeinträchtigen. In seiner extremen Form, der sogenannte Kretinismus, führt er zu schweren körperlichen und geistigen Entwicklungsstörungen. In Mitteleuropa ist das zum Glück sehr selten. Aber auch ein milder Jodmangel (der in Deutschland gar nicht so selten ist) kann die kognitiven Fähigkeiten, die Sprachentwicklung und die Intelligenz des Kindes später messbar beeinflussen. Außerdem kann Jodmangel eine Struma beim Neugeborenen verursachen und das Risiko für Fehlgeburten und Frühgeburten erhöhen.

Diese Zusammenhänge erklären, warum ich als Frauenärztin Jod in der Schwangerschaft so konsequent anspreche. Es geht nicht ums Erbsen zählen. Vielmehr geht es ums Fundament für die Entwicklung eines neuen Menschen.

Kann zu viel Jod in der Schwangerschaft schaden?

Ja, kann es tatsächlich. Und das ist wohl der Kern des Missverständnisses, das so viele Frauen verunsichert. Denn natürlich stimmt es, dass eine Überdosierung mit Jod problematisch sein kann. Sehr hohe Jodmengen können die Schilddrüse sowohl der Mutter als auch des Kindes in ihrer Funktion stören. Bei bestimmten Erkrankungen, zum Beispiel einer aktiven Hashimoto-Erkrankung, ist daher große Vorsicht geboten.

Aber: Das bedeutet nicht, dass die empfohlene Supplementierung von 100 bis 150 Mikrogramm Jod täglich gefährlich ist. Dieser Wert ist sorgfältig kalkuliert. Er schließt die Zufuhr aus der Ernährung mit ein und sorgt dafür, dass man insgesamt im sicheren Bereich bleibt. Die Schwelle, ab der eine Überdosierung problematisch wird, liegt deutlich höher: Erst ab einer dauerhaften Zufuhr über 500 Mikrogramm täglich spricht man von einem Risiko.

Was ich Frauen in der Praxis immer sage: Nicht übertreiben, aber auch nicht verweigern. Ein Supplement mit 100 bis 150 Mikrogramm täglich plus eine jodbewusste Ernährung bringt dich in einen sehr guten, sicheren Bereich. Alles darüber sollte nicht ohne Rücksprache mit deiner Ärztin eingenommen werden.

Warum gibt es Präparate für Schwangere ohne Jod? Für wen sind diese gedacht?

Das ist eine Frage, die mir wirklich oft gestellt wird, besonders seit ein sehr bekanntes Präparat auch in einer Variante ohne Jod erhältlich ist. Ich verstehe die Verwirrung. Bedeutet das dann, dass Jod in der Schwangerschaft doch nicht so wichtig ist? Nein. Das bedeutet es nicht.

Die Jod-freie Variante ist für eine spezifische Gruppe von Frauen gedacht, bei denen eine zusätzliche Jodzufuhr über ein Kombinationspräparat nicht sinnvoll oder sogar kontraindiziert ist. Der häufigste Grund: eine Schilddrüsenüberfunktion oder eine Hashimoto-Thyreoiditis mit bestimmten Begleitumständen.

Hashimoto und Jod – ein differenziertes Thema

Hier muss ich etwas ausholen, weil das Thema Hashimoto und Jod in Foren so viel Verwirrung erzeugt. Hashimoto-Thyreoiditis ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die eigene Schilddrüse angreift. Es stimmt, dass sehr hohe Jodmengen die Schilddrüsenentzündung bei Hashimoto theoretisch verstärken können.

Jedoch gilt das für Jod in Normaldosierung, also die 100 bis 150 Mikrogramm aus einem Supplement, in den allermeisten Fällen nicht. Aktuelle Fachempfehlungen sagen klar, dass auch Schwangere mit Hashimoto ihrem Baby ausreichend Jod nicht vorenthalten sollten. Ab der 12. Schwangerschaftswoche wird auch bei Hashimoto eine Jodergänzung empfohlen, weil das Kind ab dann eigene Schilddrüsenhormone produziert und dafür Jod braucht, das über die Plazenta kommt. Die Ausnahme bildet eine aktive Schilddrüsenüberfunktion. Die Entscheidung trifft immer die behandelnde Ärztin, basierend auf den aktuellen Laborwerten.

Was bedeutet das also für Schwangerschaftspräparate ohne Jod? Diese Variante macht Sinn, wenn du zusätzlich zum Schwangerschaftspräparat eine separate Jodtablette in der für dich individuell passenden Dosis einnimmst – überwacht von deiner Ärztin. So behält man die Kontrolle über die genaue Jodmenge. Was sie nicht bedeutet: Kein Jod in der Schwangerschaft. Das wäre für die meisten Frauen keine gute Entscheidung.

„Ich sage es ganz direkt: Wenn eine Patientin zu mir kommt und sagt, sie nimmt kein Jod, weil sie Angst vor einer Überdosierung hat, dann schauen wir uns das gemeinsam an. In fast allen Fällen können wir eine Lösung finden, die sowohl für die Mutter als auch fürs Baby sicher ist.“  – Dr. med. Rieke Hermann

Jod in der Stillzeit: Warum es auch nach der Geburt wichtig bleibt

Mit der Geburt ist das Thema Jod noch nicht erledigt – im Gegenteil. Der Jodbedarf in der Stillzeit ist mit 260 Mikrogramm täglich sogar noch etwas höher als in der Schwangerschaft, weil Jod in die Muttermilch übergeht und das Baby über die Milch mit ausreichend Jod versorgt werden muss. Die Schilddrüse des Neugeborenen braucht Jod dringend, um die eigene Hormonproduktion in Gang zu halten. Das gelingt nur, wenn du als Mama ausreichend versorgt bist.

Die Empfehlung lautet deshalb: Während der Stillzeit genauso weiter supplementieren wie in der Schwangerschaft – 100 bis 150 Mikrogramm Jod täglich, kombiniert mit einer jodbewussten Ernährung. Viele Schwangerschafts- und Stillpräparate enthalten diese Menge bereits.

Wenn du also nach der Geburt auf ein allgemeines Multivitaminpräparat umsteigen möchtest, solltest du kurz auf den Jodgehalt schauen.

Jod über die Ernährung: Was hilfreich ist und was nicht reicht

Jodsalz ist nach wie vor die wichtigste Maßnahme im Alltag und ich empfehle es wirklich jeder Frau, die schwanger ist oder stillt: Verwende in der Küche konsequent jodiertes Speisesalz statt normalem Salz und achte beim Einkauf auf Lebensmittel, die mit Jodsalz hergestellt wurden (das steht in der Zutatenliste).

Daneben liefern Meeresfisch wie Seelachs, Kabeljau und Makrele besonders viel Jod, ebenso Milch und Milchprodukte. Algen und Algenpulver enthalten zwar sehr hohe Jodmengen, sind in der Schwangerschaft jedoch nicht zu empfehlen, weil der Jodgehalt stark schwankt und eine Überdosierung real möglich ist. Das ist eine der Quellen, bei denen das Mantra „mehr ist mehr“ wirklich nicht gilt.

Und trotzdem: Selbst mit Jodsalz und regelmäßigem Fisch- und Milchkonsum ist es für die meisten Schwangeren in Deutschland nicht realistisch, allein über die Ernährung auf die empfohlenen 230 Mikrogramm täglich zu kommen. Das Supplement bleibt deshalb unverzichtbar.

Fazit: Jod ist kein optionaler Bonus, sondern Basisversorgung

Wenn ich eine Botschaft aus diesem Artikel mitnehmen möchte, dann diese: Jod in der Schwangerschaft ist nicht gefährlich. Ein Jodmangel in der Schwangerschaft ist gefährlich. Und die empfohlene Supplementierung mit 100 bis 150 Mikrogramm täglich ist genau das, was sie sein soll: eine sichere, gut kalkulierte Unterstützung für Mutter und Kind.

Wenn du eine Schilddrüsenerkrankung hast, wenn du Hashimoto hast, wenn du unsicher bist, welches Präparat für dich das richtige ist, dann bringe die Frage in deine nächste Vorsorgeuntersuchung mit. Das ist kein kleines Randthema, das man mal eben in einer Google-Suche klären kann. Es ist ein Thema, bei dem individuelle Beratung wirklich einen Unterschied macht.

Und wenn du auf der Suche nach einem Ort bist, wo Frauengesundheitsthemen so besprochen werden, wie du es dir wünschst – ehrlich, fachlich und mit Herz –, dann folge uns gerne auf Instagram unter @die.mamacademy. und höre auch in unseren Podcast rein.

Katharina und ich freuen uns auf dich!

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